Bericht über die Teilnahme eines Fraktionsmitglieds und gleichzeitig stellvertretenden Sprecherin des 'Ratschlag' Bad Salzuflen am Vorbereitungs-Seminar der 'Interkulturelle Woche' in Berlin vom 15./16. Februar 2019
Veranstaltungsbeginn war am Freitag um 13.30 Uhr mit einem Vortrag unter dem Motto:
'Wege zur Teilhabe öffnen – Integrations-Chancen verbessern‘, gehalten von Staatsministerin Annette Widmann-Mauz (Bundesbeauftragte für Migration).
Sie berichtet von dem 7-Punkte-Plan für Arbeit in der Integration, der z.Zt. in ihrem Ministerium erstellt wird. Im Wesentlichen soll ermöglicht werden, dass beim Ankommen in unserem Land sofort Sprachkurse angeboten werden und die Abschlüsse mehr anerkannt werden.
Die Ministerin fordert Sprache und Arbeit für Asylbewerber von Anfang an. Auch wird demnächst ein Ausbildungs-duldungsgesetz verabschiedet (wer sich gut sprachlich und beruflich qualifiziert hat, soll bleiben dürfen und darf nicht abgeschoben werden). So soll dem bisherigen Vorgehen, erst nach einer Duldungszeit von 6 Monaten arbeiten zu dürfen entgegengewirkt werden.
Aktuell gibt es 174.000 geduldete Asylbewerber. Insgesamt sind derzeit 370.000 Menschen aus Fluchtländern in einem Arbeitsverhältnis. Grundsätzlich ist das ein gutes Ergebnis, wird aber in der Öffentlichkeit zu wenig kommuniziert. Gute Beispiele stehen zu wenig in der Zeitung. Gewünschtes Ziel für mehr Zusammenwachsen und Zusammenleben soll über Angebote auf dem Sektor Sport, Gesundheit und Freizeit geschaffen werden.
Gesamtauftrag für die 82 Millionen Menschen unseres Landes soll sein, ein Wir-Gefühl gegen Rassismus zu entwickeln und den Asylbewerbern erlauben sich zugehörig zu fühlen und den Zusammenhalt zu stärken. Bei der Ankunft der Asylbewerbe soll der Schwerpunkt zukünftig auf „Ordnen, Steuern und bessere Vorbereitung durch Regeln“ liegen.
Ab 15.00 Uhr Teilnahme an der Arbeitsgruppe ‚Berliner Stadtteilmütter erzählen über ihre Arbeit‘.
Seit 2004 gibt es in Neukölln die Einrichtung der ‚Aufsuchenden Stadtteilmütter‘, die durch Besuche bei den Familien Hilfestellung bei Fragen zu Gesundheitsvorsorge, Erziehung und Bildung geben. Die Kontakte kommen über die Familienzentren oder ähnliche Einrichtungen zustande. Sie haben ebenso Migrationshintergrund und sprechen mit den Familien meist in ihrer Muttersprache.
Qualifiziert werden die Stadtteilmütter durch eine 6-monatige Ausbildung über das Diakonische Werk. Anschließend gibt es einen Arbeitsvertrag mit der Stadt.
Damit Migrantinnen die Deutsche Geschichte besser kennenlernen, gab es kürzlich eine Seminarreihe in Kooperation mit der Einrichtung ‚Aktion Sühnezeichen‘. Hierzu besuchte man Museen zum Holocaustgedenken, die es in Berlin mehrfach gibt. Auch wurde ein Schreibprojekt gegründet, bei dem die Teilnehmerinnen zu Papier bringen können, wie sie sich fühlen und welche Erfahrungen sie in Deutschland gemacht haben.
Ein grundsätzliches Problem bleibt das Kontakten mit deutschen Bürgern, vor allem für Frauen. Auf diesem Sektor wartet man auch auf mehr Initiative von unserer Seite aus.
Um 18.00 Uhr Diskussionsrunde ‚Wie geht interreligiöser Dialog‘ Vertreter der Katholischen -, Muslimischen - und Jüdischen Kirche diskutierten die Grundbedingungen, die man beachten sollte:
-Begegnung auf Augenhöhe, d.h. Respekt vor den unterschiedlichen Anschauungen der einzelnen Religionen.
-Dialog zu verstehen als Friedensakt, um auf den anderen zuzugehen. Zuhören und Interesse am Anderssein von religiösen Handhabungen, wie z.B. das Fasten: Muslime feiern und sind laut, Christen fasten eher introvertiert und leise.
-Über Vereine und Diakonie vor Ort Menschen finden
-Interreligiöse Stadtspaziergänge! Können zu Kontakten führen und sind ohne Kosten unkompliziert durchzuführbar. Man muss sich nur bei der Kirche zuvor anmelden.
-Fragen stellen ist gut, aber man sollte sich hüten, den anderen über seinen eigenen Glauben zu belehren. Der Dialog sollte nicht nur ein einmaliges Ereignis sein, sondern sich fortsetzen.
-Im Dialog wird der Palästinenserkonflikt oder das Thema Erdogan ausgeklammert. Bad Salzufler spricht mit Bad Salzufler. Der Dialog sollte auf Respekt-Basis beruhen.
-Als Unterbrechung bei einem eventuell überhitzten Dialog bietet sich eine religiöse Zeremonie an.
-Falls für ein geplantes Treffen kein religiöser Repräsentant erreichbar ist, kann man einen anderen religiös orientierten Vertreter einladen.
Um 20.00 Uhr Vortrag von Frau Prof. Naika Foroutan, Direktorin des Berliner Instituts für Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität Berlin ‚Das Versprechen der pluralen Demokratie – Ambivalenz‘
Thematisiert wird das derzeitige Spannungsfeld zwischen dem Versprechen im Grundgesetz Artikel 3-4 und dem tatsächlichen Verhalten in der Bevölkerung Migranten gegenüber.
-Fakten: 82 Mio. Einwohner, davon 20 Mio. mit Migrationshintergrund; 1,6 Mio. Asylsuchende; 40 % aller Kinder haben Migrationshintergrund.
-Es wird Integrationspolitik für alle versprochen, aber: Schüler mit Türkisch- und Arabischem Hintergrund mit Abitur haben die schlechtesten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bewerber mit Migrationshintergrund bekommen weniger Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. In der Schule werden Kinder mit Migrationshintergrund von Lehrern weniger aufgerufen als einheimische Kinder. Lehrer sind grundsätzlich für das Thema sensibilisiert, trotzdem unterläuft ihnen oft unterbewusst wie auch anderen ein solches Verhalten.
-Verunsicherung und Gereiztheit entsteht durch die derzeitige Begriffspraxis wie Flüchtlinge, Asylsuchende – wie nennen wir uns gegenseitig.
-Der Spannungsaspekt hat derzeit einen Höhepunkt erreicht und sollte sehr ernst genommen werden, weitere Einzelheiten sind im Internet zur BIM-Studie zu finden.
Samstag, 16. Febr. 9.15 Uhr Filmvorführung ‚Die Arier‘ von Mo Asuman mit anschließender Diskussion zum Thema: Der Hass der Neo-Nazis
Auf einer persönlichen Reise versucht die Afrodeutsche Mo Asumang herauszufinden, was hinter der Idee vom "Herrenmenschen" steckt. Sie begibt sich zu Pseudo-Ariern auf Nazidemos, reist zu den wahren Ariern in den Iran, trifft sich in den USA mit weltweit berüchtigten Rassisten und begegnet dem Ku Klux Klan. Und macht erstaunliche Erfahrungen!
In der anschließenden Diskussion empfiehlt sie das persönliche Gespräch mit Neo-Nazis grundsätzlich zu suchen und sie nicht zu insolieren. Meist steht hinter der rassistischen Haltung oberflächliches Denken und Unwissen. Auch das Unvermögen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Darum schließt man sich der gängigen Meinung einer Gruppe an, um dazuzugehören.
Mo Asumang ist eine mutige Person mit einer unglaublichen Intuition und großem Selbstvertrauen, dem sich die jeweiligen Gesprächspartner nicht entziehen können. Man kann gar nicht anders, als sie ins Herz zu schließen.
11.15 Uhr Vortrag von Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi, Westfälische Wilhelms-Universität Münster zum Thema: ‚Den Flüchtling in uns selbst entdecken – gesellschaftlicher Wandel in Zeiten von Flucht und Migration‘
Prof. Ahmad liest einen Text von Prof. Thomas Anz: ‚Weh dem, der (k)eine Heimat hat!‘ Über Gefühle, Räume und Szenarien in Friedrich Nietzsches freigeistigem Herbstgedicht „Vereinsamt“ und den Versuch des Autors, sich emotionalen Missverständnissen zu widersetzen.
Anschließend ergänzt Prof. Ahmad den grandiosen Text mit seinen eigenen persönlichen Erfahrungen als Migrantenkind:
Warum ist er Professor geworden, warum ist er diesen anstrengenden Weg einer Universitäts-Laufbahn gegangen?Den Ursprung findet er in der hingebungsvollen Förderung seiner damaligen Lehrerin. Er wollte und will sie bis heute nicht enttäuschen und hat sie früher auch einmal gefragt, warum sie sich so viel Mühe mit ihm gäbe. Die Antwort war: ‚Ich sehe es als meine oberste Christenpflicht, jemandem wir dir zu helfen. Darum tue ich das.‘
‚Wenn so das Christentum ist, dann habe ich vollen Respekt vor diesem Glauben‘, sagt Prof. Ahmad sichtlich bewegt voller Dankbarkeit an die ehemalige Lehrerin. Damit spricht er unweigerlich auch alle SeminarteilnehmerInnen im Saal an, denn es sind ja die meisten hier auch engagierte Mitstreiter auf diesem Gebiet. Leise Tränen werden heimlich verdrückt…. Ein schöner Abschluss!
